Aufbauend auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur Rolle des Nikotins bei der Regulierung des Appetits wollen Hirnforscher des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus den Ursachen der Gewichtszunahme ehemaliger Raucher auf die Spur kommen. Dazu suchen sie für eine Studie 75 Raucher, die sie bei der Tabakentwöhnung begleiten. Im Mittelpunkt des Forschungsvorhabens steht der neue drei Tesla starke Magnetresonanztomograph der TU Dresden, mit dem die Wissenschaftler Prozesse im Hirn gerade entwöhnter Raucher beobachten. Die Nikotinabstinenz könnte die Appetitregulierung beeinflussen und so zur oft zu beobachtenden Gewichtszunahme von Ex-Rauchern beitragen.
Wer das Rauchen aufgibt, muss mit einer mehr oder weniger deutlichen Gewichtszunahme rechnen: Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Betroffene nach sechsmonatiger Nikotin-Abstinenz durchschnittlich fünf Kilo an Körpergewicht zulegen. Nach fünf Jahren, so eine andere Studie, bringen etwa jede fünfte Ex-Raucherin und jeder zwölfte Ex-Raucher mindestens 20 Prozent mehr auf die Waage als vor dem Nikotinentzug. Viele ehemalige Raucher führen diese Effekte auf ein spürbar gesteigertes Appetitgefühl zurück, dass sie deutlich mehr essen lässt. Das motiviert viele abstinente Raucher, wieder zur Zigarette zu greifen um nicht dick zu werden. Auch ist diese Problematik für viele Tabakkonsumenten ein Grund, eine Nikotinentwöhnung gar nicht erst versuchen. Das jetzt gestartete Forschungsvorhaben soll Erkenntnisse liefern, wie sich künftig die Gefahr einer Gewichtszunahme bei und nach einer Raucherentwöhnung senken oder ausschließen lässt. Obgleich die Problematik seit Längerem bekannt ist, zeigen aktuell verfügbare Präventions- und Therapieprogramme für Raucher kaum Möglichkeiten, eine Gewichtszunahme zu verhindern.
Mit Hilfe der funktionellen Kernspintomographie wollen die Forscher der Sektion Systemische Neurowissenschaften an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums untersuchen, welche neuronalen Systeme im menschlichen Gehirn die Appetit regulierenden Wirkungen des Rauchens vermitteln. Vermutlich spielen Veränderungen von Hormonsystemen eine Rolle. Endokrinologische Studien zeigen, dass Rauchen und Nikotinzufuhr, sowie Abstinenz wichtige Auswirkungen auf die Appetit regulierenden Peptidhaushalte – beispielsweise von Leptin, Insulin und Ghrelin – haben. Das könnte die Gewichtszunahme nach dem Rauchstopp erklären. Wissenschaftler nehmen an, dass Leptin und Insulin die Fettspeicher des Körpers überwachen und Ghrelin den Energiebedarf des Körpers anzeigt. Nikotinzufuhr beeinflusst alle drei Hormone ebenso wie ein Rauchstopp. Während der Studie soll bei den Probanden deshalb die Konzentration dieser Peptide mittels Blutuntersuchungen gemessen werden. Außerdem ist bekannt, dass Informationen über Hunger und Sättigung im Hypothalamus verarbeitet werden, eine Region im Zentrum des Gehirns. Auch das Stirnhirn ist in die aktive Kontrolle des Essverhaltens involviert. Kaum bekannt ist aber, wie diese Gehirnstrukturen zusammenarbeiten. Auch dies soll in der aktuellen Studie erforscht werden. Dazu setzten die Wissenschaftler die funktionelle Kernspintomographie ein, mit deren Aufnahmen sich die ständig verändernden Aktivitäten einzelner Hirnregionen gut feststellen lassen.
Vorgesehen ist die Untersuchung von 75 Raucherinnen und Rauchern vor und nach dem Rauchstopp sowie drei beziehungsweise sechs Monate danach. Dazu bieten die Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit der Raucherambulanz der TU Dresden eine Entwöhnungsbehandlung an. Dieser Kurs basiert auf dem Rauchfrei-Therapieprogramm, dessen gute Erfolgsquote wissenschaftlich belegt ist. Teilnehmer des Programms zeigten zehnfach höhere Erfolgschancen als im „Alleinversuch“. Der Kurs umfasst sieben Gruppensitzungen sowie zwei Telefontermine, in denen fundiert über die Rauchentwöhnung informiert sowie intensive Unterstützung während des Rauchstopps geleistet wird. Das Programm wurde von den Krankenkassen zertifiziert, so dass sie bis zu 80 Prozent der Kosten übernehmen. Außerdem erhalten Studien-Teilnehmer 50 Euro Aufwandsentschädigung sowie ein Paket mit Materialen, die sie auf dem Weg zum „Nicht-Raucher“ unterstützen. Interessierte können sich gern melden unter der Telefonnummer 0351 / 463 42205.
Tabak-Abstinenz mindert gesundheitliche Hypothek Jahr für Jahr
Nach einer britischen Studie verliert jeder Raucher statistisch gesehen zehn Jahre seines Lebens. Doch für einen Rauchstopp ist es nie zu spät: so kann ein 40jähriger, der mit dem Rauchen aufhört, im Durchschnitt neun Jahre an Lebenserwartung zurückgewinnen. Wer zwischen dem 25. und dem 34. Lebensjahr seine Sucht erfolgreich bekämpft, erreicht statistisch gesehen die Lebenserwartung eines Nichtrauchers. Doch die positiven Effekte eines Rauchstopps setzen schon viel früher ein: Schon nach 20 Minuten sinken Puls und Blutdruck auf normale Werte. Nach 24 Stunden geht das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, leicht zurück. Nach zwei Tagen beginnen die Nervenzellen, sich zu regenerieren; Geruchs- und Geschmacksorgane verfeinern sich. Und schon nach fünf Jahren Tabakabstinenz verringert sich das Risiko, an Lungenkrebs zu sterben, fast um die Hälfte. |